Lernmotivation

 

Lernmotivation bedeutet das Zusammenwirken aller Beweggründe (Motive), die Menschen veranlassen, zu lernen.

Lernen ist deutlich effizienter, wenn ein Individuum motiviert ist: Ein Aufforderungscharakter regt die Motivation an und schafft positive Grundvoraussetzungen für ein optimales Lernen.
"Bei Tierversuchen, ob mit der Skinner-Box oder einem Labyrinth, zeigt sich, daß der Leistungsvollzug (performance) des jeweiligen Tieres stark davon beeinflusst wird, wie lange es kein Futter oder Wasser mehr erhalten hat." Krech & Crutchfield (1992, Band 3, S. 39)

Innerhalb der Motivationspsychologie gibt es verschiedene Ansätze, die als wissenschaftlich anerkannt erachtet werden. Um diese theoretische Vielfalt auf das Lernen zu übertragen, soll im folgenden ein Misch aus allen Erklärungsmustern herangezogen werden, wobei der Schwerpunkt sicherlich den kognitiven Motivationstheorien zuzuordnen ist. Individuelles Verhalten entsteht nicht nur aus Trieben, ist nicht nur rational gesteuert und Verhalten ist nicht immer einer hierarchischen Bedürfnispyramide zuzuordnen.

Der Anreiz eines Ziels ist immer vor dem individuellen Kontext eines Individuums zu betrachten. Für ein Verhalten ist demnach bei jedem Individuum eine anderes Motiv denkbar (siehe auch: Merkmale der Verstärkung innerhalb der operanten Konditionierung nach Skinner).
Beispiel:
Frau N. spendet Euro 20,- für einen guten Zweck. Frau N. hat diese Spende getätigt, aufgrund einer individuelle Motivation.
Mögliche Motive, die zu der Spende geführt haben könnten:
• Sie möchte Menschen helfen, die in Not geraten sind;
• Sie möchte sich vor den Nachbarn profilieren, da die Nachbarn ihren Namen gleich in der Spenderliste sehen werden;
• Sie kann die Spende von der Steuer absetzen;
• ...

Relevant erscheint die Aussicht auf Erfolg: Besonders im problemorientierten Unterricht müssen die Problemstellungen für die Lernenden ein angemessenes Anspruchsniveau darstellen: Zu leichte Probleme langweilen und stellen keine Herausforderung dar und zu schwere Problemstellungen überfordern und nehmen den Lernenden die Aussicht auf Erfolg.

Edelmann (1996, 83) unterscheidet zwei Pole der Motivation: 
"- Der interne Pol, den wir als Personfaktor bezeichnen (Motiv = Trieb, Bedürfnis, Strebung, Neigung, Wunsch, Interesse usw.)
- Der externe Pol, den wir als Situationsfaktor bezeichnen (Aufforderungscharakter, Anreizwert, emotionale Valenz der Sache)."
Motive können demnach durch äußere oder innere Reize entstehen, verstärkt oder ausgelöst werden.
Ein innerer Reiz entsteht im Individuum selbst, während ein äußerer Reiz von außen auf ein Individuum einwirkt oder einen inneren Reiz verstärkt.
Beispielsweise stellt Werbung äußere Verstärkung der in einem Individuum bereits vorhandenen Bedürfnisse dar. Sie sollen das Motiv (Kaufwunsch; Wunsch eine Ware zu besitzen; die mit der Ware verbunden Vorzüge zu bekommen) beim Kunden anregen, die entsprechenden Produkte zu kaufen.
Beispiele:
Jan wünscht sich mit jemanden zu sprechen, wenn er lange alleine war (innerer Hinweisreiz).
Eine Tüte Chips auf dem Tisch löst bei Anja das Bedürfnis nach Chips aus (äußerer Hinweisreiz).

Weiterhin unterscheidet man zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation:

  Unter intrinsischer Motivation versteht man Motivation, die von innen her durch Interesse an der Sache geweckt wird. Das Individuum wird von selbst aktiv, da es sich für die Sache selbst interessiert. Diese Art der Motivation gilt es besonders im Schulwesen verstärkt zu fördern (z.B. bei der Erledigung von Hausaufgaben).
Bei der intrinsischen Motivation wird eine Aktivität um ihrer selbst Willen vorgenommen, beispielsweise weil sie aus herausfordernd oder spannend empfunden wird oder weil die Beschäftigung mit einem bestimmten Thema eine innere Befriedigung vermittelt. Bei Misserfolgen innerhalb der intrinsischen Motivation tritt schnell eine Demotivation ein.
Gefördert wird intrinsische Motivation durch das Erleben von Kompetenz und das Ausüben von Kontrolle. Das Ziel sollte es sein, die Neugier anzuregen, um eine aktive Beschäftigung mit bestimmten Bereichen zu fördern.
Beispiel:
Sonja wurde eine Katze zum Geburtstag geschenkt. Damit sie mit dem Tier gut umgehen kann, hat sie sich ein Buch über Katzenkinder gekauft und liest darin.
  Extrinsische Motivation wird durch äußere Zwänge gesteuert. Das Individuum wird nur aktiv, weil es entweder Sanktionen verhindern bzw. lindern kann oder weil es sozial oder sachlich belohnt wird.
Beispiele:
Hans-Michael muss lernen, um eine bessere Note zu bekommen. Bleibt er bei mangelhaft, schenken ihm seine Eltern in diesem Jahr nichts zum Geburtstag.
Simone bleibt in der völlig zerstörten Ehe, weil ihr Mann droht, sich nach einer Trennung sein Leben zu nehmen.
In der Regel fördert die extrinsische Motivation eine Erwartungshaltung, da die Anreize mit fortschreitender Zeit ihren motivierenden Charakter verlieren und einer Verstärkung bedürfen.

Mischkonstrukte ergeben sich aus einer von außen angeregten intrinsischen Motivation.
Beispiel:
Lars ist an Mathematik normalerweise überhaupt nicht interessiert. Sein Berufswunsch ist es Pilot zu werden. Seitdem der Lehrer und sein Vater ihm gesagt haben, dass Koordinatensysteme besonders in der Luftfahrt von erheblicher Bedeutung sind, lernt er freiwillig den Umgang mit Koordinatensystemen.

Mietzel (2001, 347) beschreibt, daß extrinsische Belohnungen eine Minderung intrinsischer Motivation bewirken, weshalb intrinsisch motivierte Verhaltensweisen grundsätzlich nicht verstärken darf. Ziel sollte es demnach sein, das Gefühl der Fremdbestimmung beim Lernenden zu vermeiden.

Wie bereits dargestellt, geht die Motivationspsychologie davon aus, dass ein Verhalten immer von persönlichen Merkmalen und von Merkmalen der Umwelt abhängt. Insofern gilt es die individuellen, persönlichen Anreize eines Individuums zu aktivieren und gleichzeitig die äußeren Reizgegebenheiten bereitzustellen.
Aus den kognitiven Lerntheorien wissen wir, dass neu erlerntes Wissen möglichst an vorhandenes Wissen anknüpfen sollte. Um diese Anknüpfung von außen fördern zu können, ist es zunächst notwendig, das vorhandene Wissen zu überprüfen, um bei dieser ‚Anknüpfung’ helfen zu können.

„Je besser Informationen durch Überlernen vernetzt sind, desto leichter gelingt es, angesichts einer vorliegenden Problemsituation lösungsrelevante Inhalte aus dem Gedächtnis abzurufen“ Mietzel (2001, 390).
Neurobiologisch betrachtet lernt ein Individuum besser, wenn die Informationsspeicherung durch eine Begriffs- und Kontexteinordnung erfolgt, bei dem neues Wissen an bestehendes Wissen angeknüpft bzw. integriert (‘geankert’) wird.
Neues Wissen sollte demnach in den kognitiven Strukturen des bestehenden Wissens 'verankert' werden, anstatt ein mechanisches Auswendiglernen zu fördern.
Besonders Kinder sollten gefördert werden, sich mit den eigenen Gedanken auseinanderzusetzen, statt einer Konsumhaltung („ich bekomme alle Informationen geliefert, ohne mich anzustrengen“) und dem dadurch implizierten Verdruss („aus mir selbst entspringen keine ernst zu nehmenden Lösungen“) zu überlassen. Vgl. GEO Wissen (2002, 152)
Hierbei ist es wichtig zu beachten, dass Vorwissen und kognitive Strukturen individuell sind, d.h. jedes Individuum verarbeitet neue Inhalte anders. So sollten diese individuellen Strategien gefördert und nicht eingreifend korrigiert werden, wie dies beispielsweise im Deutschunterricht häufig der Fall ist, wenn eine Lehrperson bestimmte Textmarkierungen eines Schülers als unbrauchbar zurückweist. Hier sollte man den Schüler statt dessen bitten, die für ihn relevanten Stellen zu erläutern und die individuellen Relevanzen bestehen lassen. Sinnvoll erscheint auch die Anregung zur Selbstbeobachtung, damit Lernende sich selbst über ihre individuellen Lernstrategien und die damit verbundenen Erfolge bzw. Misserfolge klarer werden.

Auch der Transfer in alltägliche Situationen ist für einen Lernprozess förderlich, da dem Lernenden hierbei die praktische Verwendbarkeit der Informationen nahe gelegt wird und mit dem neuen Wissen Inhalte aus dem Alltagsleben kombiniert werden.
Hier gilt es möglichst authentische Lernsituationen schaffen (Realitätsentsprechung). Inhalte können beispielsweise um große Beispiele kreisen oder beispielsweise das Leben einer Person X beschreiben, über welche verschiedenste Lerninhalte vermittelt werden können.
Es gilt demnach Probleme aus der Realität darzustellen, da diese das Interesse wecken und eine Identifikation ermöglichen. Die neuen Lerninhalte werden so in einen Kontext eingebunden.

Förderlich für diesen Prozess ist die Anregung zum eigenen Denken Beispiele:
- anderes Beispiel überlegen;
- Funktionen für ein Werkzeug überlegen;
- Erklären, weshalb ...;
- Mit eigenen Worten zusammenfassen;
- Differenzieren lernen (z.B. Worin unterscheiden sich ...?);
- Folgen überlegen (z.B. Was könnte passieren, wenn ...?);
- Beziehungen grafisch darstellen.
Eine weitere Theorie der Lernmotivation geht davon aus, dass es zu einer besseren Informationsspeicherung kommt, wenn der Lernende gefühlsmäßig von den Inhalten betroffen wird. Starke Emotionen führen dementsprechend zu einer höheren Erinnerungsleistung.

Motivationsanregend kann auch eine Gruppenarbeit wirken, bei welcher die Lernenden neben den eigentlichen Inhalte zusätzlich soziale Kompetenzen erwerben können. Innerhalb einer Gruppenarbeit könnten beispielsweise Missverständnisse untereinander aufgeklärt werden oder die Ansichten einzelner Lerner vorgestellt und diskutiert werden, wodurch sich dem einzelnen Lerner weitere Perspektiven eröffnen können.

Auch der Bezug zur eigenen Person motiviert den Lernenden. Wenn ein Bekannter Ihnen etwas erklärt, was für Sie persönlich von Bedeutung ist, hören Sie sicherlich aufmerksamer zu, als bei Themen, die weder zur Zeit noch in absehbarer Zukunft für Sie Belang haben werden.
"Einige wichtige Studien, die den Einfluß von Motivation auf die Akzeptierung überprüften, manipulierten daher die persönliche Involviertheit der Empfänger." Stroebe, Hewstone & Stephenson (1997, 268) 

Fünfzehn Motivationstechniken für den Unterricht nach Gage & Berliner (1996, 377 ff; ausführlich siehe dort):
1. Schaffen Sie am Anfang der Stunde eine Motivationsgrundlage
2. Sagen Sie den Schülern präzis, welches Ziel sie anstreben sollen
3. Lassen Sie die Schüler kurzfristige Arbeitsziele aufstellen
4. Loben Sie Ihre Schüler
5. Verwenden Sie Tests und Noten mit Bedacht
6. Nutzen Sie die epistemische Neugier der Schüler
7. Tun Sie hin und wieder etwas Unerwartetes
8. Unterrichten Sie so, dass Schüler Appetit nach mehr bekommen
9. Verwenden Sie Bekanntes, wenn Sie Beispiele geben
10. Verwenden Sie einen einmaligen und unerwarteten Kontext, wenn Sie die Anwendung von Konzepten und Prinzipien darstellen
11. Verlangen Sie die Anwendung von früher Gelerntem
12. Arbeiten Sie mit Simulationen und Spielen
13. Reduzieren Sie die Attraktivität konkurrierender Motivierungssysteme auf ein Minimum
14. Reduzieren Sie die unangenehmen Konsequenzen für Schüler, die sich am Unterricht beteiligen, auf ein Minimum
15. Analysieren und verstehen Sie das soziale Klima in Ihrer Schule

 

Lerntechniken sind immer individuell. Wie die nachfolgende Abbildung verdeutlicht, lernt jedes Individuum auf eine eigene Art und Weise. Statt hier eingreifend neue Lerntechniken zu monopolisieren sollten Lernenden angehalten werden, ihre Lerntechniken kritisch zu prüfen: Welche anderen Methoden gibt es und welche ist die individuell effektivste Lerntechnik?

Abb.: Vielfältigkeit von Lernmethoden nach Welkert-Schmitt (2001)

 

Besonders in Bezug auf anstehende Prüfungen gilt es bestimmte Inhalte an einem bestimmten (Prüfungs-) Zeitpunkt reproduzieren zu können. Hier erscheint die Planung der Lernen wichtig. Ausführlich widmet sich die Lernumgebung 'Selbstmanagement für Studierende' von Prof. Dr. K. Welkert-Schmitt, FH Düsseldorf, der Planung von Lernprozessen [LINK].

Abb.: Planen des Lernprozesses nach Welkert-Schmitt (2001)