Schulz von Thun

 

Schulz von Thun entwickelte ein psychologisches Modell der zwischen-menschlichen Kommunikation. Demnach enthält jede Mitteilung vier Botschaften gleichzeitig. Die vier Seiten einer Nachricht:

Abb.: Die vier Botschaften einer Nachricht (a); Bildquelle: Schulz von Thun (1998, 30)

Dieses Kommunikationsmodell enthält folgende Seiten einer Botschaft:
Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Appell und Beziehung.
Beispiel:

Abb.: Beispiel einer Kommunikation; Bildquelle: Schulz von Thun (1998, 25)
 

Sachinhalt
Worüber wird wirklich informiert? Was ist der offizielle Inhalt der Nachricht?
Der Beifahrer informiert die fahrende Frau, dass die Ampel grün ist.

Selbstoffenbarung
Was gibt der Sender von sich preis? Was kann man über den Sender erfahren?
Der Sender (Beifahrer) spricht deutsch und ist farbtüchtig. Die Selbstoffenbarung könnte beinhalten, dass er es eilig hat.
„Ich wähle den Begriff der Selbstoffenbarung, um damit sowohl die gewollte Selbstdarstellung als auch die unfreiwillige Selbstenthüllung einzuschließen.“ Schulz von Thun (1998 a, 27)

Appell
Wie soll der Empfänger reagieren? Wozu veranlasst der Sender den Empfänger?
„Kaum etwas wird „nur so“ gesagt – fast alle Nachrichten haben die Funktion, auf den Empfänger Einfluß zu nehmen. In unserem Beispiel lautet der Appell vielleicht: „Gib ein bisschen Gas, dann schaffen wir es noch bei grün!““ Schulz von Thun (1998 a, 29)

Beziehung
Wie stehen Sender und Empfänger zueinander? Was hält der Sender vom Empfänger? Der Beziehungsaspekt einer Botschaft kann auch durch den Tonfall oder nichtsprachliche Begleitsignale übermittelt werden. Im Gegensatz zur Selbstoffenbarung geht es hier um den Empfänger und nicht um den Sender. Der Beifahrer gibt beispielsweise zu verstehen, dass er der Fahrerin nicht zutraut optimal zu fahren.
 

Abb.: Die vier Botschaften einer Nachricht (b); Bildquelle: Schulz von Thun (1998, 31)


Adäquat dazu stellt Schulz von Thun den "vierohrigen Zuhörer" vor (vgl. Schulz von Thun (1998 a, 44 ff)).
Die vier Ohren empfangen jeweils unterschiedliche Aspekte der Nachricht: Sachohr (Wie ist der Sachverhalt zu verstehen?), Selbstoffenbarungsohr (Was ist mit ihm/ihr?), Appellohr (Wozu soll ich veranlasst werden?) und Beziehungsohr (Wie redet er/sie mit mir?).

Um Fehler beim Zuhören zu vermeiden, wird das Rückkoppeln (Feedback) empfohlen: Man fragt beim Sender nach, ob eine bestimmte Nachricht korrekt empfangen wurde.
Beispiel:
"Habe ich es richtig verstanden, dass Du diesen Kinofilm gar nicht sehen möchtest?"

Es bleibt immer dem Empfänger überlassen, auf welchen Aspekt einer Nachricht (also auf welches Ohr) er eingehen möchte. Nach Schulz von Thun ist das Beziehungsohr oftmals stark ausgeprägt (vgl. Schulz von Thun (1998 a, 27)).

Nachfolgend werden einige denkbare Verschiebungen beschrieben. Eine Verschiebung liegt vor, wenn eine Seite für eine Botschaft genutzt wird, obwohl eine andere betroffen ist:

• Sache Beziehung
Da Tim keine sachlichen Argumente mehr einfallen, wird er gegenüber Sandra persönlich.
• Selbstoffenbarung Appell
Patrizia ist gelangweilt von dem monotonen Unterricht und stört durch Gespräche mit Klassenkameraden den Unterricht, damit der Lehrer die Unzufriedenheit auch bemerkt.
• Beziehung Sache
Karl kann Holger nicht leiden und unterstellt diesem mangelnde Fachkompetenz.
• Appell Selbstoffenbarung
Gaby ist in Eile und möchte, dass sich die Gesprächsteilnehmer kurz fassen. Gaby: „Ich habe wenig Zeit.(!)“
Beispiel:
Gernot sagt zu seiner Frau: ‚Liebling, das Bier ist alle.’
Damit kann er meinen:
a) Ich habe noch Durst (Selbstoffenbarung).
b) Die Bierflasche ist leer (Sachinhalt).
c) Hole mir noch ein Bier (Appell).
d) Ich erwarte, dass Du mich bedienst (Beziehung).

Ein Sender:
• stellt sich selbst dar,
• teilt Sachinformationen mit,
• versucht den Empfänger zu beeinflussen,
• drückt das Verhältnis zum Empfänger aus.

Das Selbstoffenbarungsohr ist am wenigsten entwickelt. Auch in einem Streitfall sollte der Empfänger einer Nachricht verstärkt auf das Selbstoffenbarungsohr achten.
Beispiel:
Als ihr Freund am späten Abend zu ihr nach Hause kommt sagt, Tanja: ‚Lass mich heute bloß in Frieden.’
Unter Beachtung der Fragestellung ‚Was teilt sie über sich selbst mit?’ könnte ihr Freund heraushören, dass Tanja einen schlechten Tag hatte und sich diese Aussage nicht gegen ihn richtet. Da jedoch das Beziehungsohr am ausgeprägtesten agiert, würde der Partner in vielen Fällen diese Aussage auf sich beziehen und es könnte zu einem Missverständnis kommen.

Wichtiges:
- Kommunikation ist immer Vierdimensional;
- Der eigentliche SINN einer Nachricht ENTSTEHT beim Empfänger;
- Konflikte sind auf der Ebene auszutragen, auf der sie entstanden sind.

 
Die beste Zusammenfassung findet sich beim Autor selbst: http://www.schulz-von-thun.de/mod-komquad.html