Gordon

 

Gordon entwickelte seine Ansätze um 1970, die auf den Ideen con Carl R. Rogers (1942) beruhen (Gordon wurde in Chicago von Rogers ausgebildet). Bei den Ansätzen handelt es sich nicht um klassische Kommunikationstheorien, jedoch finden sie im psychosozialen Bereich sehr häufige Anwendung (Probleme im Bereich von Partnerschaft, Familie, Erziehung, Management und in der Gesprächspsychotherapie).

 

1.) Wer besitzt das Problem?
Im ersten Schritt wird geklärt, wer das Problem besitzt, denn der Problembesitzer muss das Problem lösen!

andere Jemand anders besitzt ein Problem, für mich ist das Problem jedoch nicht greifbar: Es hat nichts mit mir zu tun; es schadet mir nicht, es stört mich nicht, es tut mir nicht weh, …
keiner Keiner hat ein Problem
ich Ich habe ein Problem, es hat mit mir zu tun; es schadet mir, es stört mich, es tut mir weh, …

Beispiel:

andere Eine Arbeitskollegin schluchzt.
Ihr Partner schlägt die Augen nieder.
Ihr Freund sagt: „Ich werde nie gute Noten kriegen!“
Eine Freundin sagt, die Menschen seien zu kritisch und erwarten zu viel von ihr.
Kindergartenkind Kevin fühlt sich von den anderen Kindern abgelehnt.
keiner Ihre Tochter hat sich für die Abiturprüfung qualifiziert.
Ihre Freundin erklärt, dass sie nicht mehr raucht.
Ihr Vater hat 1.000 EUR in der Lotterie gewonnen.
Kindergartenkind Sven spielt mit anderen Kindern.
ich Ihr Vorgesetzter halst Ihnen kurz vor Feierabend einen Berg Arbeit auf.
Eine Kollegin spielt mit dem PC und Sie müssen die Arbeit der Kollegin mit erledigen.
Ihre Schwester Sohn hat versprochen den Müll raus zu bringen, das war vor einigen Tagen und nun riecht der Müll.
Kindergartenkind Sabrina schlägt auf Sie ein, da es den eigenen Willen nicht durchsetzen konnte.

Auf dieser ersten Einteilung basiert das Modell von Thomas Gordon:

Wenn ein anderer das Problem besitzt, kann durch verschiedene Vorgehensweisen (siehe 2) geholfen werden.
In diesem Zusammenhang hebt Gordon (2004, 302) hervor, dass besonders bei Eltern-Kind-Beziehungen viele Probleme die die Eltern sehen, keine Probleme der Eltern sind (das Kind also ein anderer besitzt das Problem). Beispiele:
- Die langen Haare des Teenagers Steven.
- Die Häufigkeit, mit der die Teenagertochter Sandra sich duscht.
- Was Emilie zur Schule anzieht.
- Wie Frederike sich ihr Zimmer einrichtet.
- Wann der Steffen ins Bett geht.
- Wie Christina ihr Taschengeld ausgibt.
- Ob der Nachbar mit dem Dreitagebart des Sohnes Christopher einverstanden ist. Hier betont Gordon (2004, 285), dass das Kind ein Recht auf ein eigenes Leben hat; mit eigenen Wertvorstellungen und Überzeugungen.

Sobald ich ein Problem besitze, spreche ich das Problem als konfrontative Ich-Botschaft an (siehe 3).
Beispiele:
- Miriam räumt die Küche nach dem Kochen nicht auf – sie hinterlässt mir immer ein riesiges Chaos.
- Marius teilt seinen Eltern nicht mit, ob er zum Essen nach Hause kommt oder nicht.
- Tatjana fühlt sich durch das Verhalten des Kindergartenkindes Mandy wiederholt gestört.

2.) Anderen helfen zur Zuhören
{NICHT bei puren Informationsproblemen}
Diese Methode soll dem Problembesitzer helfen, seine Probleme selbst zu erkennen, sie analysieren zu können um dann eigene Lösungen zu finden. Durch das Aktive Zuhören (siehe unten) wird Vertrauen und Zuwendung ausgedrückt (der andere fühlt sich angenommen) und der Problembesitzer dazu angeregt, sich selbst zu helfen und damit selbstbestimmter und unabhängiger zu werden.
[Das Aktive Zuhören ist ein wichtiger Bestandteil der Gesprächspsychotherapie. Die Gespräche habe hierbei häufig eine kathartische Wirkung. Nach einem Besuch bei einem Psychotherapeuten hört man beispielsweise häufig von dem Klienten „Er sagte kein Wort, die ganze Zeit über habe ich gesprochen.“]

Zwei Grundelemente, bevor wir die Methode des Zuhörens erarbeiten können:
ICH SELBST MUSS ZUHÖREN (1) WOLLEN UND (2) ANNEHMEN WOLLEN.
Wenn ich nicht zuhören will (1), da ich z.B. keine Zeit/Lust habe, kann ich nicht richtig Zuhören. Ebenso wenn ich den anderen nicht annehmen kann wie er ist (2).

Was will der andere?
Nach Gordon wissen die Problembesitzer häufig was sie möchten – aber auch falls nicht, sollen sie die Lösung selbst erarbeiten und wollen keine Predigten oder klugen Ratschläge.

Nach Gordon geht es zunächst um das Feststellen, was der andere eigentlich will. Hierzu ist es notwendig, Informationen richtig zu entschlüsseln.

Siehe auch „Aktives Zuhören“
 

Die nachfolgend vorgestellte Methode des Zuhörens soll nicht angewendet werden, wenn es um eine Informationsfrage geht.

Ihre Aufgabe als Zuhörer ist es:
1. aufmerksam zu sein;
2. Kommunikationssperren zu vermeiden;
3. die Rolle des Retters zu verweigern;
4. Ihr Verständnis, Ihre ehrliche Vermutung dessen, was der Sender sagt und fühlt, die „entschlüsselte“ Botschaft, als Feedback zurückzugeben.

Nach Gordon helfen wir anderen nicht, indem wir Lösungen vorgeben. Andere empfinden das eher als Zuschreibung von Inkompetenz oder Zurückweisung.
Beispiele:
Eltern: „Wir wissen am besten, was gut für dich ist!“.
Vater: „Am besten helfe ich Dir, die Feier vorzubereiten.“ (verstandene Botschaft: „Du kannst das nicht alleine – Du würdest Fehler machen!“)
 

Kommunikationssperren
Gordon (2002, 68 ff) nennt folgende Kommunikationssperren, die niemals als Feedback eingesetzt werden sollten:

1 befehlen, anordnen, auffordern
„Sprich nicht so mit mir!“
2 drohen, warnen
„Wenn Du das tust, wird es dir leid tun.“
3 moralisieren, predigen, zureden
„Du solltest dich nicht so aufführen.“
4 Ratschläge erteilen, Lösungen vorgeben, Beraten
„Warte mal ein paar Wochen ab, dann siehst Du die Situation ganz anders.“
5 Vorträge halten, belehren, Fakten liefern, logische Argumente
„Als ich in deinem Alter war, musste ich doppelt soviel tun, wie du.“
„Wollen wir mal den Verdienst von deinem Berufsziel ansehen.“
6 Urteile fällen, Vorwürfe machen, kritisieren
„Du denkst nicht logisch.“ „Ich bin da völlig anderer Meinung als Du.“
7 loben, schmeicheln, zustimmen
„Ich finde dich hübsch.“ „Ich bin deiner Meinung.“ „Du hast die Fähigkeit dazu.“
8 beschimpfen, lächerlich machen
„Frau Neunmalklug.“ „Du benimmst dich wie ein wildes Tier.“ „Na schön, Du Baby.“
9 interpretieren, diagnostizieren, analysieren
„Du bist nur eifersüchtig auf Sabrina.“ „In Wirklichkeit ist das doch so: …“
10 trösten, Sympathie bekunden
„Alle Schüler machen das mal durch.“ „Das habe ich früher auch gedacht.“
11 forschen, fragen, verhören
„wann fing das an?“ „Wer hat dir diese Idee in den Kopf gesetzt?“
12 zurückziehen, ablenken, ausweichen
„Denk einfach nicht mehr daran.“ „Was wäre jetzt mit einer Partie Federball?"

Die Kommunikationssperren 1 bis 5 enthalten die Botschaft: Du bist zu dumm, um es selbst herauszufinden, deshalb sage ich es Dir.
Die Kommunikationssperren 6 bis 11 unterstellen: Mit dir stimmt irgendetwas nicht (und teilen in einigen Fällen wie analysieren und diagnostizieren gleich mit, was es ist).
Kommunikationssperre 12 übermittelt die Botschaft: Es ist gefährlich darüber zu sprechen oder: Es ist mir unangenehm, davon zu hören.
 

Die 5 Werkzeuge des Zuhörens (nach Gordon, 2002, 70 ff)

1 Schweigen
Halten sie den Mund! Sie können nicht richtig zuhören, wenn Sie gleichzeitig reden oder überlegen, was Sie als nächstes sagen werden.
2 Zuwenden
Aufmerksamkeit auf den Sprecher richten, indem Sie sich dem Sprecher zuwenden. Stellen Sie Blickkontakt her; schauen Sie ihn an; nehmen Sie eine offene Körperhaltung ein; bleiben Sie außerhalb seines persönlichen Raumes.
3 Bestätigung
Wenn Sie einfach nur stumm sind, kann Ihr Gesprächspartner nicht wissen, ob Sie wirklich zuhören. Machen Sie einfache Äußerungen wie „Hmm“, „wirklich“, „echt“, „interessant“, „Aha“ oder nutzen die Ihre Körpersprache wie z.B. ein Nicken um die Aufmerksamkeit zu belegen.
4 Türöffner
Kommunikative Türöffner sollen ein Gespräch anregen bzw. es wieder in Gang bringen. Dabei handelt es sich um offene Fragen – also um eine Einladung zum Reden.
Beispiel: „Du scheinst traurig (nervös, …) zu sein. Erzähl mir was los ist.“, „Dein Standpunkt würde mich interessieren“, „Erzähl mir die ganze Geschichte“, „Schieß los, ich höre“, „Klingt so, als ob Du noch mehr auf Lager hast“, „Das scheint etwas zu sein, das dir sehr wichtig ist“.
5 Aktives Zuhören
Aktives Zuhören bedeutet eine Rückmeldung (Feedback) geben, um zu prüfen, ob eine Information korrekt dekodiert wurde. Aktives Zuhören bedeutet nicht nachzuplappern, sondern den wirklichen, dekodierten Inhalt einfühlend rückzumelden.
Beispiel:
Tochter: „Ist der Brief von meiner Schule gekommen?“ (Nachricht)
Vater: „Befürchtest du, Post von deiner Schule zu erhalten?“ (aktives Zuhören)

Falsch verstandene Botschaften werden so automatisch durch den Sender korrigiert.
Beispiel: wie vor
Tochter: „Quark! Das war ein Spaß. Ich warte auf einen Brief vom Marc.“

Beispiel:
Thomas: „Puh! Heute haben sie mich abgeschossen. Zwei Benachrichtigungen – eine in Mathematik und eine andere in Englisch.
Mutter: „Du bist durcheinander.“ (Aktives Zuhören – aber ohne Einfühlen)
Thomas: „Das ist milde ausgedrückt. Es bedeutet nichts anderes, als dass ich meine Abschlussprüfung nicht machen darf – weil ich nicht zugelassen werden.“
Mutter: „Du hast das Gefühl, dass du jetzt, nachdem du benachrichtigt worden bist, nichts mehr daran ändern kannst.“ (Die Mutter sendet eine eigene Botschaft statt des AZ)
Thomas: „Ich gehe auf mein Zimmer. Muss mich erst mal ablenken.“ (Resignation)
 

3.) Ich-Botschaften
Wenn ich das Problem habe, muss ich das Problem lösen. Um es zu lösen muss ich das Problem ansprechen – nach Gordon als Ich-Botschaft mit konkreten Aussagen zu dem Verhalten, zu greifbaren Wirkungen und ausgelösten Gefühlen.

Die Ich-Botschaft muss eine „echte“ Ich-Botschaft sein, bei der ich meine Gefühle und Auswirkungen darlege. Eine unechte Ich-Botschaft ist eine versteckte Du-Botschaft.
Beispiel: „Ich empfinde dich als ausgesprochen aggressiv.“ oder „Ich habe das Gefühl, dass Du heute …“
Wenn eine Konfronatat9ion gesucht wird, sind häufig Emotionen im Spiel. Emotionen können sachlich dargelegt werden, Eine Ich-Botschaft sollte jedoch nicht negativ formuliert werden (z.B. „Ich bin wirklich ärgerlich auf Dich, weil Du …“).


Niederlagelose-Methode der Konfliktlösung

„Elternteil und Kind stehen vor einer Bedürfniskonflikt-Situation. Der Elternteil bittet das Kind, sich gemeinsam mit ihm an der Suche nach einer für beide annehmbaren Lösung zu beteiligen. Einer oder beide können mögliche Lösungen vorschlagen. Sie beurteilen sie kritisch und entscheiden sich schließlich für eine für beide annehmbare, endgültige Lösung. Nachdem man sich für eine Lösung entschieden hat, braucht keiner sie dem anderen schmackhaft zu machen, denn beide haben sie bereits akzeptiert. Machtanwendung ist nicht notwendig, um eine Einwilligung zu erzwingen, denn keiner von beiden sträubt sich gegen die Entscheidung.“ Gordon (2004, 212)

Übungsblatt: Aktives Zuhören (basierend auf Carl Rogers bzw. dessen Schüler Thomas Gordon)


Ergänzende Literatur:

- Gordon, Thomas (1989/2004). Familien-Konferenz. München: Heyne.
- Gordon, Thomas (2002). Die neue Beziehungskonferenz. München: Heyne.
- Gordon, Thomas (1989). Lehrer-Schüler-Konferenz. München: Heyne.
- Gordon, Thomas (1989). Manager-Konferenz. München: Heyne.