Lernen durch Einsicht nach Wertheimer

Wertheimer

Max Wertheimer war der anerkannte Führer der Gestaltpsychologie-Bewegung (Exkurs: Gestaltpsychologie; PDF). Er und Wolfgang Köhler hatten zusammen das Lernen durch Einsicht thematisiert: Ein Problemlösen durch Umstrukturieren der Wahrnehmung.

"Es gibt Zusammenhänge, bei denen nicht, was im Ganzen geschieht, sich daraus herleitet, wie die einzelnen Stücke sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, wo - im prägnanten Fall - sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt ist von den inneren Strukturgesetzen dieses Ganzen"." (Wertheimer, 1925, zitiert nach Asanger & Wenninger, 1999, 249)

Max Wertheimer führte während seiner Problemlösungs-Experimente u.a. den folgenden Versuch durch:  

 Lernen durch Einsicht nach Wertheimer

 

 

 

Schüler, die bereits die Fläche eines Rechtecks (a * b) berechnet hatten, sollten den Flächeninhalt eines Parallelogramms ermitteln. Einige Schüler entdeckten darauf hin, dass das Parallelogramm 'eigentlich' ein Rechteck ist: In dem man die eine Ecke abschneidet und diese an die andere Seite anhängt, entsteht ein Rechteck, mit welchem die Schüler bereits umgehen konnten (a * b).

"Als ihr [einem 5 1/2 jährigen Mädchen] das Parallelogramm-Problem gegeben wurde, nachdem ihr kurz gezeigt worden war, wie man die Fläche des Rechtecks findet, sagte sie: "Das ist nicht gut hier", indem die auf die Gegend am linken Ende zeigte, "und nicht gut hier", indem sie auf die Gegend rechts zeigte. "Es ist ungeschickt, da und da". Zögernd sagte sie: "Ich könnte es hier richtig machen ... aber ...". Plötzlich rief sie: "Kann ich eine Schere haben? Was hier schlecht ist, ist genau, was dort gebraucht wird. Es paßt." Sie nahm die Schere, schnitt senkrecht durch und setzte das linke Stück rechts an. Ein anderes Kind ging ähnlich vor, indem es das Dreieck abschnitt." Wertheimer (1964, 55 f) 

"Es kamen noch andere Wege vor. Ein Kind, dem ich das Parallelogramm gegeben hatte, ein langes, aus Papier geschnittenes (für die vorigen Beispiele schien ein langes Parallelogramm ebenfalls besser zu sein), bemerkte zu Beginn: "Das ganze mittlere Stück ist in Ordnung, aber die Enden ..." Sie betrachtete die Form längere Zeit, sichtlich mit besonderem Augenmerk auf die Enden, nahm plötzlich die Papierfigur, und mit einem Lächeln machte sie daraus einen Ring, indem sie die beiden Enden aneinanderbrachte. Auf die Frage, was das bedeutete, antwortete sie, indem sie mit ihren kleinen Fingern die beiden Enden zusammenhielt: "Ei, jetzt kann ich's zerschneiden, so durch", und deutete eine Senkrechte irgendwo in der Mitte an, "dann stimmt's"." Wertheimer (1964, 57)

 

Wertheimer (1964, 60)

Wertheimer (1964, 60)

Wertheimer (1964, 61)

Die Aussage: 'Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile' wurde zum Markenzeichen der Gestaltpsychologie.
An folgendem Beispiel ist diese Aussage leicht zu verdeutlichen (von Wertheimer als 'Phi-Phänomen' bezeichnet):
Zwei Lichter, die abwechselnd blinken, werden nicht als separate Lampen wahrgenommen. Ein solches Phänomen (stroboskopischer Effekt) wird als bewegend wahrgenommen. 
"Die Wahrnehmung erfolgt demnach "gestalthaft" und nicht "reizhaft", d.h. nicht elementarisch - so lautet seine wesentliche Schlußfolgerung." Lück & Miller (1999, 82)

 
  Denkanstoß / Praxisbeispiel
Ein Problem lösen Sie, indem Sie die wahrgenommene Problemsituation so umordnen, dass bereits Bekanntes zur Lösung herangezogen werden kann:

 Ein Grundschüler stellt nach einiger Überlegung fest, dass 3 * 4 nichts anderes ist, als 4 + 4 + 4. 
 P. möchte eine Sechskantschraube an seinem Fahrrad lösen. Nach kurzer Betrachtung der Situation fällt ihm auf, dass es sich dabei um eine Schraube handelt. Er benötigt demnach einen (speziellen) Schraubenzieher zur Lösung des Problems.


 

Zitate zum Lernen durch Einsicht nach Wertheimer:
"Wertheimer (1957) beobachtete bei Schulkindern u. a. die in der Abbildung skizzierte Lösung, deren Entstehung er so beschreibt: Der mit der Aufgabe befaßte Mensch versucht, das Parallelogramm in seiner Struktur, als gestalthafte Ganzheit zu erfassen. Dabei kommt er - mehr oder minder schlagartig - zu der Einsicht, daß die schiefen Seiten irgendwie zu begradigen wären; [...]" Asanger & Wenninger (1999, 98) 

"Je sorgfältiger man sich darum bemüht, ein Problem zunächst einmal zu verstehen, desto schneller dürften die nachfolgenden Abschnitte des Problemlösungsprozesses zu durchlaufen sein." Mietzel (1998 b, 214)

"Ein wichtiger Schritt zur Verbesserung der Problemlösungskompetenz besteht darin, eine Repräsentation des Problems zu finden, in der jede Operation mit den vorhandenen Verarbeitungsressourcen durchgeführt werden kann." Zimbardo & Gerrig (1999, 297)

Max Wertheimer bezeichnete die Leistung, die zur Problemlösung führt, als Umstrukturierung und den Erkenntnisprozess, der die Problemlösung möglich macht, als Einsicht.  


 

Folgende Beispiele stammen nicht von Wertheimer, verdeutlichen aber das Lernen durch Einsicht und den dadurch entstehenden 'Aha-Effekt':

Alle neun Punkte sollen mit vier geraden Linien verbunden werden - ohne den Stift abzusetzen. 

Mit einem Klick auf die Grafik können Sie die Lösung einblenden und auf selbem Wege auch wieder ausblenden. (Die Lösung ist für den Internet Explorer entwickelt: Sie können sie Lösung auch manuell einblenden).

Haben Sie auch versucht, sich auf das 'Feld', welches die Punkte bilden, zu beschränken? In der Problembeschreibung steht nichts davon, dass sich die Linien in einem Quadrat befinden müssen...
Hätte man sein Wahrnehmungsfeld umstrukturiert, wäre man vermutlich zur richtigen Lösung gelangt. Statt dessen habe ich bei einigen Freunden und Bekannten die Beobachtung gemacht, dass man an einer Wahrnehmung festhält, sobald sie als eindeutig erscheint. Keiner meiner Testpersonen ist auf die Lösung gekommen. Statt dessen versuchten sie über ein Versuch-und-Irrtum-Verhalten eine Lösung zu erreichen. 

Sie wollen mit den beiden vorhandenen Balken über das Wasser auf die in der Mitte gelegenen Insel gelangen. 
Beide Balken sind jedoch einzeln zu kurz, um von einem Ufer auf das andere gelegt zu werden (wäre doch ein wenig zu einfach). 

Probieren Sie aus - oder stellt sich die Lösung durch Nachdenken ein?

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