Einführung in die Wahrnehmung

 

"Die Wahrnehmung ist eine psychologische Funktion, die dem Organismus (mittels spezieller Einrichtungen: Sinnesorgane) die Aufnahme und Verarbeitung von Informationen betreffs Zustand und Veränderung der Außenwelt ermöglicht." Vgl. Arnold, Eysenck & Meili (1996, 2519)

 Definition Wahrnehmung:
Wahrnehmung kann definiert werden als ein komplexer Prozess der Informationsgewinnung durch die Verarbeitung von Reizen. Die Reizverarbeitung erfolgt nach subjektiven Kriterien – jeder nimmt (aufgrund individueller Erfahrungen und vorheriger Lernprozesse) individuell wahr.

 

Grundlagen der Wahrnehmung

Die Wahrnehmung kommt zustande, indem unsere Sinnesorgane Impulse aufnehmen und sie zur 'weiteren Verarbeitung' ins Gehirn transportieren. 
„Wahrnehmung ist ein psychophysiologischer Prozeß. Sie entsteht nicht in den Sinnesorganen, sondern im Hirn.“ Steigerwald (1997, 29)

"Die moderne Psychologie spricht kaum von Empfindungen, wohl aber von Wahrnehmung, und sie bezeichnet damit die Aufnahme vorhandener Informationen in das Gehirn eines Lebewesens." Guski (2000, 9)

Im Gehirn werden die über Kreuz wahrgenommenen Informationen der Sinnesorgane ausgewertet: Reize auf der rechten Seite werden in der linken Gehirnhälfte (Hemisphäre) verarbeitet und umgekehrt. 
Sehen Sie links vor sich einen Gegenstand (z.B. einen Kugelschreiber), so werden die Impulse der Sinnesorgane (hier der Augen) in der rechten Hemisphäre ausgewertet. 

"Wie aus der Abbildung [siehe unten] hervorgeht, sind die Verbindungen zwischen den cerebralen Hemisphären und anderen Körperteilen kontralateral, d. h. die linke Hemisphäre steht mit der rechten Körperhälfte in Verbindung: sie erhält Inputs des rechten Arms, Beins oder Fuß und kontrolliert diese, während umgekehrt die rechte Hemisphäre dies bei der linken Körperhälfte tut. Auch die Verbindungen zwischen Augen und Gehirn sind nach dem kontralateralen Muster organisiert [...]" Wessels (1994, 282)

 Die menschliche Wahrnehmung

Durch die Wahrnehmung orientieren wir uns in unserer Umwelt. Eigenes Verhalten wird oftmals aufgrund dieser Orientierung an die Umwelt angepasst. 

Wahrnehmung kommt zustande, indem die Rezeptoren unserer Sinnesorgane durch Reize erregt werden und diese zur weiteren Verarbeitung (über die Nerven) zur Hirnrinde geleitet werden. Die ankommenden Informationen werden im Gehirn zur Wahrnehmung. In der Hirnrinde entsteht eine Wahrnehmung, welche bewusst wahrgenommen werden kann. Die hier wahrgenommenen Informationen werden mit vorherigen Erfahrungen abgeglichen und bewertet.
"Unter Wahrnehmung versteht man jene Prozesse, die eintreffende Informationen von den Sinnesorganen auswählen, ordnen und interpretieren." Mietzel (1998 b, 129)
Zimbardo teilt die Wahrnehmung in drei Stufen ein:
"Stufe I: Empfinden, Stufe II: Organisieren und Stufe III: Identifizieren und Einordnen (im Sinne von Wiedererkennen). Zimbardo & Gerrig (1999, 106) 

Wenn Sie diese Zeilen lesen, nehmen Sie die Buchstaben mit Ihren Augen wahr. Die Informationen werden über die Nerven ins Gehirn transportiert, wo die wahrgenommenen Einzelbuchstaben zusammengesetzt werden. Diese Fragmente werden anschließend – aufgrund vorheriger Erfahrungen - Bedeutungen zugewiesen: Sie ergeben einen sinnhaften Zusammenhang. Dieser Zusammenhang ergibt sich aus vorherigen individuellen Lernprozessen, sodass Wahrnehmung nicht zuletzt auch kulturell geprägt ist (siehe hierzu: 'soziale Wahrnehmung').

Für ein schnelles Zurechtfinden ist es hilfreich, wenn Objekte oder Eigenschaften wiedererkannt werden. Demnach muss etwas 'Bekanntes' gespeichert sein, damit ein aktuell wahrgenommenes Objekt mit dem Datenbestand abgeglichen werden kann. 

 

Ein wichtiger Parameter der Wahrnehmung ist die Aufmerksamkeit: Wir können uns nur auf ein Merkmal konzentrieren. Dieses Merkmal wird i.d.R. bewusst durch das Individuum festgelegt (z.B. am Steuer eines Fahrzeuges richtet man die Aufmerksamkeit auf den Verkehr). Wir können unsere Aufmerksamkeit demnach steuern. Vgl. Lefrancois (1994, 160)
"Per definitionem gibt es im Gedächtnis nichts (außer es ist genetischer Art), was nicht gelernt wurde, und etwas zu lernen bedeutet, ihm Aufmerksamkeit zu schenken." Lefrancois (1994, 162)
"Das, was wir lernen und woran wir uns erinnern, ist zum Großteil eine Funktion der Aufmerksamkeit." Lefrancois (1994, 160) 
Ständig empfangen unsere Sinnesorgane scheinbar unendliche Mengen an Informationen aus unserer Umwelt. Das Gehirn koordiniert diese Informationen nun so, dass nur die gewünschten und benötigten Informationen in das Bewusstsein gelangen. Unbedeutende Reize werden 'automatisch aussortiert' und gelangen gar nicht erst zur Verarbeitung ins Gehirn.
Die Wahrnehmung wird also von der aktuellen Interessenslage gelenkt und geprägt. Das Individuum setzt sich selbst Schwerpunkte, um nur die relevanten Reize zu verarbeiten.

Das menschliche Gehirn kann keine Differenzierung zwischen äußeren und inneren Wahrnehmungen vornehmen, da beide im Endeffekt als elektrische Impulse im Gehirn verarbeitet werden. Durch diese Verarbeitung entsteht die Wahrnehmung. Relevant ist diese Tatsache bei negativen Gedanken, da diese Gedanken oder Erinnerungen die gleiche Qualität und Intensität wie reale Situationen einnehmen können.

"Cocktail-party"-Experimente lassen vermuten, daß es wahrscheinlich eine Kurzzeiterinnerung an nichtbeachtete sensorische Ereignisse gibt, daß aber dennoch irrelevante Stimuli häufig ausgefiltert werden." Lefrancois (1994, 175)

"Man braucht nur seinen Namen zu hören oder ein wichtiges Thema in einer anderen Unterhaltung, und schon versucht man, beiden Gesprächen zu folgen, indem man zwischen beiden hin und her wechselt." Wessels (1998, 90)

Besonders deutlich wird die 'Ein-Merkmal-Wahrnehmung' durch folgende Grafiken:

Abb. 3
Bildquelle: Krech & Crutchfield (1992, Band 2, 79)

Im rechten Bild ist das Gesicht eines Mannes oder eine Ratte zu erkennen. Die Augen des Mannes sind die Ohren der Ratte. Unterkiefer und Kinn des Mannes der Schwanz der Ratte.

Entweder sehen wir im linken Bild einen Fisch oder einen Vogel. 
Es scheint jedoch unmöglich beide Gestalten mit einem Blick zu erfassen.

 

Abb. 4
Bildquelle: Mietzel (1998 b, 36)

 

Abb. 5
Bildquelle: Mietzel (1998 b, 155)

Zwei verschiedene Elemente in einem Bild können nur abwechselnd wahrgenommen werden.
Betrachten wir den oberen Teil des linken Bildes, so sehen wir ein Bauwerk, welches auf zwei Säulen steht:
Richten wir unsere Aufmerksamkeit jedoch auf den unteren Teil, so steht dieses Bauwerk auf drei Säulen im Wasser.
Es ist zwar ein 'Wechselspiel' möglich, dennoch bleibt die menschliche Wahrnehmung auf ein Merkmal beschränkt. 

Die Gestaltpsychologie unterstellt ein Abwechseln der Wahrnehmung: Figur und Grund oder oberer Teil des Bildes und unterer Teil des Bildes wechseln sich fortwährend ab. 
"Interessant ist hierbei, daß Menschen anscheinend nicht in der Lage sind, Figur und Grund zur gleichen Zeit wahrzunehmen." Lefrancois (1994, 101) 

Abb. 5 (a)

Abb. 5 (b)

Aufgrund des Widerspruchs im Gehirn "gelingt es dem Betrachter nicht, diese komplexe Reizgegebenheit widerspruchsfrei zu interpretieren."
Mietzel (1998 b, 155)

Wenn wir uns auf das Steuern eines Fahrzeuges konzentrieren, werden als unwichtig erscheinende Reize einfach 'ausgeblendet'. Sie dringen gar nicht bis in unser Bewusstsein vor, was uns somit auch vor einer Reizüberflutung schützt. 

Die Wahrnehmung wird also von der aktuellen Interessenslage gelenkt und geprägt. Das Individuum setzt sich selbst Schwerpunkte, um nur die relevanten Reize zu verarbeiten. 

Tragisches Beispiel für Aufmerksamkeit (zitiert nach Mietzel, 1998 b, 131):
„Als eine Passagiermaschine der Eastern Airlines am 14. Juni 1972 auf ihrem Weg zum Internationalen Flughafen Miami (Florida) mit dem Landeanflug begann, bemerkte die Mannschaft im Cockpit eine Lampe, die einen Defekt im Fahrgestell anzeigte. Der Pilot schaltete den Autopiloten ein, der die Maschine auf gleicher Flughöhe halten sollte. Die Männer in der Pilotenkanzel wollten ihre volle Aufmerksamkeit auf die Klärung der Frage richten, weshalb sich die Warnlampe eingeschaltet hatte. Aus nachträglich nicht mehr zu ermittelnden Gründen wies der Autopilot die Steuerungsinstrumente der Maschine allerdings an, die Flughöhe langsam zu vermindern. Akustische und visuelle Signale im Cockpit machten ebenfalls auf die kritische Situation aufmerksam. Die Männer in der Pilotenkanzel waren jedoch so sehr mit dem angezeigten Defekt beschäftigt, daß sie alle Warnungen überhörten. Sie richteten ihre Aufmerksamkeit erst zu einem Zeitpunkt auf ihr viel ernsteres Problem, als die Katastrophe nicht mehr zu verhindern war." (Wiener, 1977)

Nach Ansicht der Gestaltpsychologen liegt die Quelle optischer Täuschungen in angeborenen Grundsätzen der Wahrnehmung. Hingegen behaupten Lernpsychologen es handle sich dabei um das Ergebnis von Erfahrungen. Vgl. Mietzel (1998 b, 143)

"Eine der grundlegenden Eigenschaften des normalen Wahrnehmungsprozesses beim Menschen besteht darin, daß wir dazu tendieren, Mehrdeutigkeiten und Ungewißheiten über die Umgebung in eine klare Interpretation zu übersetzen, die es uns erlaubt, voll Vertrauen auf die Richtigkeit unserer Wahrnehmung zu handeln." Zimbardo & Gerrig (1999, 111) 

Nicht nur die Werbung versucht unsere Aufmerksamkeit zu erregen: Fettgedruckte Wörter, farbige Markierungen in Texten, schnell wechselnde Bildeinstellungen im Werbefernsehen, die laute Betonung eines Satzes im Dialog oder ein provokanter Werbeslogan an einer Hauswand - ständig begegnen wir Reizen, die bestrebt sind, unsere Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

 

Wahrnehmungsfehler / Optische Täuschungen

Zur Vollständigkeit sei erwähnt, dass die nachfolgenden optischen Täuschungen nicht nur auf Wahrnehmungsfehlern beruhen. Auch Behinderungen und temporäre Vergiftungserscheinungen (z.B. durch Drogen, Alkohol, Medikamente und auch Nikotin) können zu erheblichen – hier nicht weiter beschriebenen – Störungen der Wahrnehmung führen.

Ungenaue oder irreführende Informationen werden – z.T. aufgrund vorheriger Lernprozesse – fehlerhaft ausgewertet. Eine wahrgenommene Situation wird aufgrund des vorhandenen Wissens versucht einzusortieren. Für eine Einsortierung muss die wahrgenommene Information für einen Menschen eine Bedeutung haben, die durch Vorkenntnisse, Erfahrungen, Einstellungen oder Bedürfnisse geprägt sind.

Während Wahrnehmungsfehler oder Sinnestäuschungen besonders in Seminaren eine gelungene Abwechslung für Studierende darstellen, gibt es auch tragische Sinnestäuschungen, die beispielsweise bei Flugzeugunglücken zahlreiche Menschenleben gefordert haben.

"Von einer Wahrnehmungstäuschung sprechen wir dann, wenn uns unsere Sinne auf nachweislich fehlerhafte Art die Erfahrung eines Reizmusters vortäuschen." Zimbardo & Gerrig (1999, 111) 

 

Durch Hinweisreize ausgelöst, schätzt das menschliche Gehirn automatisch die eine Entfernung zu einem Objekt ab. Um diese Abschätzung vornehmen zu können, bedarf es Erfahrung, auf welche das Gehirn zugreifen kann. Wir haben gelernt, dass Objekte kleiner werden, je weiter sie sich von uns entfernen.
Dieses Wissen führt in der folgenden Grafik zu einem Wahrnehmungsfehler.

Abb. 6

Ponzo-Täuschung: Die hintere waagerechte Verstrebung erscheint länger, da sie sich anscheinend 'weiter entfernt' befindet. Beide Verstrebungen sind gleich lang!


Abb. 7

Diese beiden Gestalten erscheinen unterschiedlich groß, da wir gelernt haben, dass Gegenstände, die weiter von uns entfernt sind, entsprechend verkleinert wahrgenommen werden. Wir nehmen also die Gestalt im Hintergrund entsprechend größer wahr.
Beide Figuren sind gleich groß!

Hätten wir keine Erfahrung mit räumlichen Objekten, würden wir die Größe der beiden Gestalten im oberen Bild bzw. die beiden Verstrebungen in der Ponzo-Täuschung nicht als unterschiedlich einstufen. 
Demnach entstehen optische Täuschungen durch erlerntes Wissen.


Vorhandenes Wissen hilft uns auch Fragmente oder Doppeldeutigkeiten (nicht eindeutige Zeichen) in einen sinnhaften Kontext zu setzten. Neuartige Muster werden demnach anhand vorhandenen Wissens eingeordnet bzw. erkannt.  Eine Person, die der englischen Sprache nicht mächtig ist, wird mit den in der Grafik dargestellten Buchstaben nichts anfangen können; vermutlich würde man 'THE CHAT' lesen.
Mit grundlegenden Kenntnissen der Sprache liest man jedoch 'THE CAT'. Das selbe Symbol wird also einmal als 'H' und ein anderes mal als 'A' interpretiert.  

Abb. 8
Bildquelle: Wessels (1994, 63)


Einen weiteren Wahrnehmungsfehler bietet die Größe einer Figur:

Abb. 9

Der Eindruck, dass beide Geraden unterschiedliche Längen aufweisen, ist falsch. Da wir die linke Figur als größer wahrnehmen, wird auch die Länge der linken Geraden als größer geschätzt. Vgl. Mietzel (1998 b, 150 f)


Bei der Farbwahrnehmung spielt die Umgebung des farbigen Gegenstandes eine wichtige Rolle. Ein Farbton wird anders wahrgenommen, wenn dieser von einer hellen oder dunklen Farbe umgeben wird:

Abb. 10

 Praxisbeispiel


Stroop-Effekt: Semantik und Eigenschaft sind so unterschiedlich, dass bei der Informationsverarbeitung schnell Fehler unterlaufen. 

a) Nennen Sie die Anzahl der folgenden Ziffern:

b) Lesen Sie im ersten Durchgang die Farbwörter laut vor. Im zweiten Durchgang sagen Sie nacheinander die Farben auf.

Abb. 11

Exkurs: Gestaltpsychologie (PDF)

Exkurs: Farben und Persönlichkeitsmerkmale

Unterrichtsmaterial: Wahrnehmung | Hypothesentheorie der Wahrnehmung