Klassische Konditionierung

 

Was ist klassische Konditionierung?

Bei der klassischen Konditionierung werden zwei Reize miteinander verknüpft.
Stellen Sie sich vor, Sie sind hungrig und gehen durch eine Stadt - plötzlich sehen Sie etwas leckeres zu Essen - genau nach Ihrem Geschmack. Sie näheren sich dem Grill, der Bäckerei, der Pizzeria und dabei wird in Ihrem Mund 'schon mal' die Speichelproduktion angeregt.
Die Speichelproduktion ist eine Reaktion auf das Wahrnehmen (z.B. Sehen oder Riechen) der bevorstehenden Mahlzeit (Reiz). Also können wir sagen: Ein Reiz (im Englischen stimuli [s]) führt zu einer Reaktion (im Englischen response [r]): S - R.

Im Behaviorismus benutzt man häufig den Terminus 'S-R-Psychologie'. Kurz gesagt handelt es sich demnach um eine Richtung der Psychologie, die sich mit Reaktionen (R) auf Reize (S) beschäftigt.

Der Mensch verfügt über einige angeborene Reflexe. Ein Reflex ist eine angeborene Reaktion auf einen Reiz. Um auf einen Reflex zu reagieren, muss kein Lernen stattgefunden haben. Reflexe sind beispielsweise: Pupillenkontraktion (Anpassen an herrschende Lichtverhältnisse), Lidschlussreflex (das Auge schließt sich, sobald etwas schnell auf das Auge zukommt) oder Patellarsehnenreflex (ein Schlag auf das Knie führt zu einer Muskelkontraktion im Bein). Vgl. Mönks & Knoers (1996, 68)

Reiz Reaktion Reflexbezeichnung
 helles Licht Verkleinerung der Pupille, um sich den
Lichtverhältnissen anzupassen (es gelangt
weniger Licht ins Auge)
Pupillenkontraktion
 Gegenstand fällt in Richtung des Auges Schließen des Auges  Lidschlussreflex

 

 Schlag unterhalb der Kniescheibe Streckbewegung des Unterschenkels Patellarsehnenreflex 


Ein Reflex ist eine natürliche Reaktion auf einen Reiz. Eine natürliche Reaktion ist angeboren und wird als 'nicht-erlernt', 'nicht-konditioniert' oder als 'unkonditioniert' (engl. = unconditioned) bezeichnet.

Die Grundlage jeglicher Konditionierung ist eine Reaktion bzw. ein Reflex.
Handelt es sich bei dem Reiz um einen reflexauslösenden Reiz, so ist das Ergebnis ein Reflex (z.B. CR = conditioned reflex = konditionierter Reflex). Handelt es sich nicht um einen reflexauslösenden Reiz, so ist das Ergebnis eine Reaktion (z.B. CR = conditioned reaction).
Das 'R' kann demnach für Reflex oder Reaktion stehen - je nach auslösendem Reiz. 

Innerhalb der klassischen Konditionierung werden zwei Reize so miteinander verknüpft, dass beide dieselbe Reaktion auslösen, obwohl diese Reaktion zuvor nur von einem biologisch bedingen (angeborenen) Reiz ausgelöst wurde.

Beispiel:
Zur Mittagszeit holt sich J. häufig etwa zu Essen aus der nahe gelegenen Pizzeria. Beim Wahrnehmen der bevorstehenden Mahlzeit (Reiz) wird bei J. eine erhöhte Speichelproduktion (Reaktion) ausgelöst. J. hat nach einigen Wiederholungen die Musik des Geldspielgerätes in der Pizzeria mit dem Essen verknüpft, so dass bereits die Wahrnehmung der Musik des Geldspielgerätes die Speichelproduktion auslöst.

Nach wiederholter Paarung von zwei Reizen kann auch ein völlig unbeteiligter Reiz die selbe Reaktion auslösen. Das Wahrnehmen der Mahlzeit ist ein Reiz, der zu einer natürlichen (nicht-erlernten = unkonditionierten) Reaktion (der erhöhten Speichelproduktion) führt.

Die Reaktion auf den bisher unbeteiligten, neutralen Reiz (in unserem Beispiel das Geldspielgerät) wurde erlernt.

Im Fachtermini: Ein unkonditionierter Stimulus (natürlicher Reiz) löst von Natur aus eine unkonditionierte Reaktion (natürliche Reaktion; Reaktion, ohne dass Lernen stattgefunden hat) aus. Wird diese Reiz-Reaktions-Situation wiederholt mit einem neutralen Stimulus (Reiz, der normalerweise keine Reaktion auslöst) dargeboten, so überträgt sich die Reaktion auch auf den NS.

 

Wird die Reaktion auch vom NS ausgelöst, ist dieser kein neutraler Stimulus mehr: Man spricht von einem konditionierten Stimulus (CS; erlernter Reiz), der eine konditionierte Reaktion (CR; erlernte Reaktion) auslöst.

In unserem Beispiel ist der konditionierte Stimulus (CS, ehemals neutraler Reiz) das Geldspielgerät, welches nach wiederholter Paarung mit dem Wahrnehmen der Mahlzeit mit eben diesem Wahrnehmen gleichgesetzt wird. 

Aus dem neutralen Reiz (NS) wird der konditionierte Reiz (CS). 

Nach dieser Assoziation der beiden Reize genügt der ehemals neutrale Reiz, um die Reaktion auszulösen.

Die Musik des Geldspielgerätes sorgt bei J. für eine erhöhte Speichelproduktion.


Dieses Phänomen der Verknüpfung zweier Reize hat I. P. Pawlow an Hunden entdeckt. Pawlows Theorien wurden von J. B. Watson aufgegriffen und auf den Menschen übertragen. 

"Klassisches Konditionieren ist ein Lernprozeß, der auf zeitlicher Assoziation beruht. Theoretisch verschmelzen zwei Ereignisse, die wiederholt zeitlich dicht beieinander auftreten, im Bewußtsein einer Person, und nach kurzer Zeit reagiert die Person auf beide Ereignisse in gleicher Weise." Comer (1995, 48 f)

In der Werbung werden ursprünglich neutrale Reize (Produkt) mit einer emotionalen Reaktion verknüpft. Man versucht dem Konsumenten einen Zusatznutzen zu suggerieren, der das Produkt von anderen der gleichen Warengattung unterscheidet. Schauen Sie Werbefernsehen doch einmal vor diesem Hintergrund: Hier werden Zigaretten mit Abenteuer verknüpft. 
Auf Pferden durch die Wüste von Arizona zu reiten, löst ein Gefühl von Freiheit, Männlichkeit und Abenteuer aus. Die Zigarettenwerbung assoziiert diese Gefühle mit dem Rauchen einer Zigarette.

Die Erkenntnisse der klassischen Konditionierung sind noch heute ein wesentlicher Bestandteil des psychologischen Wissens. Vgl. Lefrancois (1994, 17) 


Praxisbeispiele klassische Konditionierung:
Beim Betrachten einer erotischen Abbildung werden automatisch und unbewusst meist angenehme Reaktionen ausgelöst. Wirbt nun ein Hersteller mit erotischen Bildern (z.B. einer attraktiven Person in Verbindung mit dem Produkt), so wird dieses Produkt  mit der angenehmen Reaktion auf die erotische Abbildung verknüpft.

Für eine Backmargarine wird mit einer glücklichen und extrem harmonischen Familie geworben. Dem Konsumenten wird suggeriert, dass er mit der Margarine nicht nur eine feine Zutat für sein Backwerk erwirbt, sondern auch noch (oder viel wichtiger) sein Familienleben harmonisieren kann.


Klassische Konditionierung nach I. P. Pawlow
Klassische Konditionierung nach J. B. Watson